Paul Mersmann: Schattenstücke l Kleine Theorien und Schattenstücke (8-2)

Wie soll man dergleichen Experimente erklären? Trocken, lebhaft, bewegt, poetisch? Gibt es Gründe dafür? Ich weiß es nicht. Übe ich Gott? Das vielleicht noch am ehesten, zumal er ja tot sein soll. Also ich behielt die überladene Natur in all ihre Fremdheit zu unseren Gärten tief im Gedächtnis, verjagte, nicht allzu ernst, die Ansicht des Paradieses als übrigens schönsten Beweis einer ersten stilisierten Natur und suchte nach ein paar derben Worten aus dem Geiste Sibiriens, erfand plumpe Namen von täppischen Bären und Wölfen und warf sie, als sie rasch nacheinander erschienen, mit ihrem befremdlichen Fell in den langsam erkaltenden Fluß. Ihr wirkungsvolles Verschwinden vollzog sich ungefähr so, wie wenn man Eiswürfel in eine Suppe wirft und zusieht, wie sie langsam darin verschwinden. Erst dann überzog ich den nun schon viel kälteren Fluß aufs neue mit Schnee. Und siehe da, mit einem Mal zuckten andere, kühlere Welten auf.

Es bildeten sich Kristalle und kalte Blüten, ohne daß sich der Orinoko als tropischer Strom viel anders verhalten hätte als eingefrorenes Obst. Er blieb zunächst ganz still und bedeckt von Zuckerkrusten aus Eis, obwohl ganz langsam eine nicht kalkulierte Zauberbewegung im Inneren des Bildes stockend zu hüpfen begann. Es war fast, als poche der tropische Geist des Bildes zart und mit schwacher Kraft von unterwärts gegen die Leinwand. Erst nach Überwindung eines Anflugs von schlechtem Gewissen gelang es mir, mein inneres Auge ebenfalls in entsprechend langsame Schwingungen zu versetzen, was mir ungemein wohl tat.

Ich entdeckte bei dieser Übung, daß es möglich ist, die zähe Natur, die so fest an Organe wie Herz und Leber gebunden ist, in die gleiche Bewegung zu bringen. Und statt, wie es häufig geschieht, den Körper für eine ganze Weile mit Schmerzen zu foltern, begaben sich diese Organe gehorsam, von rhythmischen Widersprüchen gereizt, mit den Nerven der Augen gemeinsam auf eine sehr angenehm schwingende Flucht. Wahrscheinlich entweicht seit der Steinzeit die gequälte Natur mit solchen Sprüngen den niederträchtigen Nerven, und zwar an den Augen entlang, bis tief in die Schichten des Visionären. Und der sonst so widerspenstige Kopf, als Bewußtseinswächter der Oberflächen und Irrtümer, denkt endlich mit einem Mal, förmlich erleichtert, „südlich an Osten“ und vom Dunklen hinaus ins Dunklere. Die Kette der Kausalität war gerissen. Der kopffreie Geist überließ sich erneut einer freudigen Verwirrung, und ich sah ganz nebenbei und flüchtig Humboldts Bildnis im Zelt, neben Zapfen aus Eis, deren leuchtendes Gelb zuvor noch als Früchte des Tulo-Strauches das tropische Ufer umsäumte. Es war nur ein kurzer Hinweis. Denn weiterhin schaffte die magische Linke unverdrossen Schnee in Biesenhackers Gemälde. Ich las darin wie ein bis an die Zähne bewaffneter König in einer Zeitung, „wenn er es nötig hat, seine Generäle zu hüten“. Das sind die Führer des Körpers im Krieg der Organe, denn Abgrund und Kosmos in uns sind sehr groß.