Juan Goytisolo: Das Pulsieren des Raumes [2]

Es gibt Städte, die ein für alle Mal abgeschlossen sind, wo jede Veränderung mit einer Minderung ihrer Schönheit und Fülle einhergeht. Von Venedig und einer Reihe anderer musealer Städte einmal abgesehen, hat das von Napoleon III. geschaffene, freilich bald von Émile Zola entzauberte Paris die bewundernde Aufmerksamkeit zahlreicher ausländischer Schriftsteller und Künstler auf sich gezogen, die, gebannt von der Herrlichkeit und Majestät des Gemäldes, der Welt der Champs-Élysées und des Place de l’Étoile gehuldigt oder die intellektuell brodelnden Viertel wie Montparnasse oder Saint Germain-des-Prés porträtiert haben. Schriftsteller wie Hemingway, Gertrud Stein und, später, Carpentier und Cortázar suchten in der Stadt eine Quelle der Inspiration und mehrten ihren Mythos. Ihnen und ihren bescheideneren Epigonen verdanken wir Romane, die es uns erlauben, jenem zwischen den beiden Weltkriegen existierenden privilegierten Raum nachzuspüren oder auch dem, der in den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts erblühte, dazu das Who’s Who seiner Maler, Philosophen, Dichter und Romanciers.

Als ich im Alter von dreiundzwanzig Jahren zum ersten Mal das bedürftige und von der Franco-Diktatur geduckte Spanien verließ, war ich von Paris geblendet. Die anregende und kreative Welt des Rive Gauche, die Buchhandlungen, Theater und Kinos, in denen ich die intellektuelle Nahrung fand, die mir das stiefmütterliche Vaterland so strikt verwehrte, hat mein Leben entscheidend verändert. Obwohl ich erst zwei Jahre später die Freiheit wählte, bereitete ich mich geistig darauf vor, den Sprung aus einem homogenen, geschlossenen Umfeld, das mich großgezogen hat, in ein anderes zu wagen, wo die ideologischen, literarischen und künstlerischen Strömungen der ganzen Welt zusammentrafen. Paris war auch für mich ein Fest: eine Werkstatt der Erfahrungen und Ideen, in der ich nach Jahren bitterer Indoktrination, Entbehrung und Dürre fieberhaft Anschluss an die Gegenwart suchte.

Aber im Quartier Latin lernte ich auch jemanden kennen – wie und über wen, weiß ich nicht mehr –, der indirekt und sehr viel später meine Wahrnehmung der Stadt beeinflussen sollte: Ich spreche vom jungen Guy Debord, damals Spiritus rector der winzigen Situationistischen Internationale und später Autor des klugen und weitsichtigen Buchs Die Gesellschaft des Spektakels, dessen allgegenwärtige Realität uns tagtäglich bedrückt. Er und seine Gefährtin Michèle Bernstein vermittelten mir die Grundzüge einer Offenheit für andere quirlige Bereiche des Lebens – hochgradig verlockend für die neue Spezies von Großstadtwesen, die die simultane Wahrnehmung verschiedener Kulturen und deren inspirierendes Ferment geformt hat. Statt mich durch das strahlende und kultivierte Paris zu führen, das mich faszinierte, lotsten sie mich lieber in abgelegenere Viertel, nach Aubervilliers, in die Stalingrad-Gegend und zum Canal Saint-Martin, wo sie in Cafés mit spanischen Exilanten und maghrebinischen Einwanderern plauderten.

Als ich mich schließlich in Paris niederließ und durch meine lebenslange Gefährtin Monique Lange mit dem Verlag Gallimard und der um ihn gravitierenden Pleyade brillanter Schriftsteller in Kontakt kam, wich die offizielle Kulisse von Paris als Symbol und Leuchtturm der Zivilisation nach und nach einer anderen: der des Viertels Sentier, wo wir beide lebten, und der jener Gegenden, die sich von dort bis zur Gare du Nord, nach Barbès und zum Boulevard de Rochechouart erstrecken.