GRABBEAUMUSEUM IM NETZ  Gang rot »
Paul Mersmann

Das wenig bekannte Auge des Mondes




Dass sich Harsdörffer in späteren Jahren erlauben konnte, nicht nur Gesellen in seiner Malerwerkstatt zu unterhalten, sondern auch eine Reihe wissenschaftlicher Mitarbeiter und sogar zwei Theologen unterschiedlicher Konfession, verdankt er wohl dem Umstand, dass er von einer Großtante der Freifrau Elvira von Gabelenz, ein nicht unbeträchtliches Vermögen geerbt hat. Jedenfalls gelingt es ihm, mehrere Waldstükke zum Bedarf der Kunstförderung dem Nürnberger Senat, ausdrücklich ohne Jagdrecht, mehrerenteils zur Porträtierung von Bäumen, Pflanzen und Tieren abzukaufen. Auch leiht oder schenkt er einem Wortschöpfer namens Ph. v. Z. vierhundert Dukaten. Schlosshuber glaubt mit Recht, es stecke kein geringerer als Philipp von Zesen hinter dem Monogramm. Dass dies ziemlich wahrscheinlich ist, erhellt auch der Umstand, dass von nun an, vielleicht nach der Aufnahme Zesens in die Fruchtbringende Gesellschaft, der Schreibstil Harsdörffers durch launische Windungen gelegentlich ein wenig undeutbar wird, was zur Ursache mancher Missverständnisse innerhalb seiner theoretischen Schriften geführt haben muss, zumal hier gelegentlich selbst das Holländische mit dem Sächsischen in eine Art Urfehde geraten ist, die dennoch schöpferisch einen reizvollen Sinn ergibt.
Zum Kunstverständigen Discurs, von der edlen Mahlerey, von Georg Philipp Harsdörffer
Nürnberg 1652

Versuch einer außerwissenschaftlichen Rezension

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Fünfte Sendung

Bildmotive:
Paul Mersmann, Villa Glücklich
Aufnahmen Doro Breger
Fries (1)

Paul Mersmann: Fries (2)
An einem Beispiel über das Lob der tierischen Geduld kann man leicht ersehen, wie doppeldeutig sich derlei Stilkünste ausgewirkt haben. So beschreibt er in dieser neuen Maniera Nürenbergiensis den flüchtigen Hasen, der sich im Allgemeinen auf freiem Feld so beharrlich der Malkunst entzieht, sehr wortreich und völlig neu. »Wat Dürem darauf ersehen, dat erm dat Dier zu schilderen nit entloppen, daz er ja also als wahren Meester so trefflich geschilderet hot, so stellt er den grönen Kohlkopp entgegen dat Muhl von den Hasen, daz dessen Bechierde erm stohn lott bys zur Volendigung upp dat Brette.« Es gibt Verteidigungsreden, die das scheinbar Unerlaubte gestatten. Man muss Harsdörffer, der den Trichter zur Reynheyt der teutschen Sprach verfasst hat, durchaus auch diese berühmten Zeilen vom Hasen zuschreiben dürfen, was aber dringend einer Verteidigung bedarf.

Der dem Banner der Sprachfreiheit verpflichtete Verfasser des Indicatore de la lingua dilettantistica, Giovanni Batista Meyer aus Bozen, vermutet im Gegensatz zur Mehrheit der Sprachforscher, die ja Harsdörffer, der nach Reinheit der deutschen Sprache gesucht habe, solche kraus anmutenden Sätze nicht zuschreiben will, er habe sie dennoch geschrieben.Und zwar aus folgendem Grund: Einmal sei die Schreibweise hier ja nicht eigentlich unfassbar, sondern vielmehr ornamentiert, denn ihr Sinn sei auch heute noch jedem gebildeten Leser klar. Auch auf rasches Lesen komme es hier ja nicht eigentlich an, der Text entspreche viel wahrscheinlicher den damals aus Rom bis Nürnberg vordringenden Grotesken Giovanni da Udines, der nicht nur Tiere in Blumen verwandeln konnte. Dergleichen nahm man in Nürnberg nun wohl so ernst, dass man diese wiedergefundene römische Freyheit keineswegs ohne Tiefsinn auch der Literatur zubilligen wollte, die ohnehin von Regeln viel unbelasteter war als heute. So mögen also die zahlreichen poetischen Schwünge und kurvenreichen Festons in Harsdörffers Dichtkunst der Malerei viel näher stehen, als das heute verstellbar ist. Die Sprache war eben noch nicht durch und durch faktualisiert (Meyer). Da dieser außerordentlich kompetente Wissenschaftler sich nicht mit den Ergebnissen und Folgerungen der reinen Sprachwissenschaften zufrieden geben mochte, wurde seine Aufmerksamkeit bald auf theologische Untersuchungen gelenkt, deren Verfasser in der Abkehr vom allgemein gesicherten Sprachgebrauch auch dunkle Einflüsse zu sehen glaubten.
Paul Mersmann: Fries (3)

Paul Mersmann: Fries (4)
In Nürnberg gab es eine kleine Gruppe sehr einflußreicher katholischer Grundbesitzer aus Bayern, die den bürgerlichen Kreisen der Kaufmannschaft fern standen und an den kühnen, von Harsdörffer bestimmten Kunsttheorien Anstoß nahmen. Der Widerstand wurde geschürt durch zwei verwegene Jesuiten, Adam Tintelnot und Franz von Rühleisen, die sich als versteckt agierende Verwalter der Gutshöfe in Nürnberg unauffällig zu bewegen wussten. Was konnte der Inquisition wohl näher liegen, als in den Schattenspielen der Sprachkunst verborgene Kräfte zu fürchten, die in geheimen Botschaften unter die Leute gebracht werden sollten. Harsdörffers Einfluß war groß, nicht nur in Franken und Bayern wurden seine Schriften gelesen. So gab es in der Vatikanischen Bibliothek schon bald eine für die Rota bestimmte Imitation seiner Teutschen Verse in einer schier unübersetzbaren halbdeitschen Latinität. Da heißt es in einem Gedicht mit dem Titel Rotunda Silvana tedesca, wohlbemerkt als offenbar frei erfundenes Beispiel:

Luxitatus refundia bella / schier Waldland tedesca in runda
Unverstellbar gelehrichter Fux in des Malers troitus tumba.
Letarga dulce amore und der Pinselstrich der gelogene,
Verfasset, ergriffen, Eklogen, imitatio Ferror phantome.

Umgettum exessum selargum im Mutsprung gefundene Wallnuß.
Als Wahnfuß fortuna geheißen mit dem Astrum silvanum begeistern.

So tatsächlich über tausenddreihundert Zeilen hinweg. Die gelehrten Herren, darunter Deutsche, Franzosen und Portugiesen, lasen das Buch von vorne nach hinten, übersetzten das halb bekannte Latein und das noch weniger bekannte Deutsch, um dem köstlichen Werk als Siegel und Stempel ein sacramentum tedea satanas lustibus als letzte denkbare Folgerung aufzudrücken. Nur die Fraktion der Spanier, bereits durch Gongora verführt, zeigte sich heiter und lernte zum nicht geringen Vergnügen des Heiligen Vaters viele besonders konfuse Verse auswendig. Bei der Abstimmung wandten die Spanier sich ab, was vielleicht Harsdörffers Rettung bedeutete.

Da er durch Zuträger gewarnt oder ahnungsvoll annehmen mochte, was sich besonders im fernen Stuhlweißenburg ereignete, wo der blonde Tiger Arnulf von Blubben zu Lachthingen, der boshafteste Geist und Gubernator der dort vereinigten franziskanischen Superinquisitionen, heimlich gegen ihn im Schilde führte, vermehrte er seine Schriften über den Wert der Malerei für die rohe Natur, »welche mit großen Augen zur Kunst nach Hülfe schreyt«, wagte sich aber kaum noch in katholisch geprägte Städte. So sagte er im Sommer 1656 eine Reise nach München zu seinem alten Freund Steininger unter dem Vorwandt ab, »dermalen seien er und seine Schüler schon genugsam mit schwarzen Farben aus Spanien, der Terra Negra eingedeckt als dass sie von derselben in München noch mehr beziehen könnten.« Man darf annehmen, dass Steinmeier wohl begriff, was damit gemeint war. Was die katholischen Kreise besonders gegen Harsdörffer aufbrachte, war die nach ihrer Meinung höchst gottlose Tiermalerei, die er in seinem Garten an der heutigen Stelzenbrücke zum Schrecken der Bürger betrieb. Da tummelten sich, wenn auch an Ketten, Wölfe, Luchse und Bären, die ihm und seinen auserwählten Schülern als Modelle dienten. Vom Kaiser in Wien, der Löwen und Adler in den Dienst seiner Reputation gestellt hatte und mit Fürstentiteln auszeichnete, war in dieser Sache nicht viel zu erwarten. Übrigens hatte der hohe Rat der Stadt gegen den »gelehrigen Umgang mit wilden Tieren« nichts einzuwenden. So versuchten es manche in Rom. Ein entsprechender Brief ist erhalten.
Paul Mersmann: Fries (5)

Paul Mersmann: Fries (4)
In ihm klagt von Blubben Harsdörffer der Kränkung der Schöpfung und Verhöhnung des »vesten Glaubens an die Werke Gottes und der Stellung der Tiere in wilden Wäldern« an. Clemens IX. antwortete nach angemessener Zeit in lateinischer Sprache: Jucundus est Domino pro Arte in Naturam universalem et Coeli et Animae – »Der Himmel gönnet der Kunst ihren Anteil an der göttlichen Schöpfung.« Ausdrücklich verwies er in Sacrum diversis auf die theologisch noch offene Frage des Wertes der unerlösten Natur im Bezug zum erlösten Menschen, ob nämlich Christus auch die Tiere erlöst habe und wenn ja, von welcher Schuld? Er fragte, ob hier nicht ein heiliger Auftrag der Kunst gegeben sei, den einst ein Konzil zu lösen die Aufgabe habe. Harsdörffers Ansichten sind von brennender Bedeutung geblieben, ohne das je ein Konzil sich der Sache angenommen hat. Was die Kunst offen auszusprechen verweigert – daß sie die Pflicht hat, im Auftrag ihres höheren Bewusstseins tatsächlich die Natur zu erlösen –, ist im Wahn der Naturwissenschaft, die stattdessen die Natur bis zu deren Vernichtung erpresst, längst untergegangen. Und doch ist Harsdörffers Geist nicht ebenfalls untergegangen. »Was ist in der Kunst vergeblich, wenn nicht sie selbst, indem sie sich unaufhörlich mit jedem neuen Kunstwerk in die Kette jener Verluste einreiht, die Leben genannt wird«, resümiert sein bedeutender Schüler im Geiste, Thomas Westhold, der allzu früh in Worpswede beim Erlösungswerk seiner Malerei im Moor bei Halskoogen untergegangen ist, nicht anders als Segantini in den Schneewüsten des Monte Rosa. Beide waren wie einst Harsdörffer unter den wilden Tieren davon besessen, die Natur an ihren gefährlichsten Orten mit Pinsel und Farbe zu bannen und zu erlösen. Ob sie Harsdörffer je gekannt, ihn jemals gelesen haben, bleibt fraglich, bestätigt aber die offene Frage Clemens IX., ob es nicht an der Zeit wäre, endlich in Rom ein Kunstkonzil zu eröffnen, ehe die Natur ihrerseits die Kunst rein zoologisch bewältigt hat.

Fortsetzung folgt