Jürgen Wölbing
Aus dem weiblichen Universum
 
Kommentare:
Ulrich Schödlbauer
 
Zeno 1985
Fotos:
Victor von Brauchitsch
 
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Jürgen Wölbing: Kleine Plastik 1

Judith.
Es ist glaubhaft, nichtsdestoweniger unwahr, dass sie es aus Gerechtigkeitssinn getan hat. Auch war sie vorher keineswegs durch übermäßigen Patriotismus aufgefallen. Allerdings verkehrte sie in einschlägigen Kreisen, das sollte bedacht werden. Die Gründe, es zu tun, lagen damals wohl auch auf der Hand. Beeindruckt war sie, ehrlich gesagt, von ihnen nicht. Sie hatte keine, wenn Sie verstehen. Sie war einfach zur Stelle, als es sich ergab. Sie ist der Typ Mörder, dem man das Messer aus der Hand nehmen muss wie einem Kind, damit es sich nicht schneidet. Wenn alle dann um sie stehen, und sie langsam aus dem verkrusteten Tuch das begehrte Objekt des Hasses hervorzieht, sprachlos, versteht sich, wirkt sie wie … nun, wie in Bronze gearbeitet, etwa. Nichts zu berichten, zu rechtfertigen, zu bejubeln. Aber dieser Kopfschmerz lässt nach.

Jürgen Wölbing: Kleine Plastik 2

Brigitta.
Geschieden, ledig? Tut nichts zur Sache. Kinder? Meine Instinkte gehören der Allgemeinheit. Vorlieben? Aber sicher. Perspektiven? Ich bin es gewohnt, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Partner? Ich fälle täglich Entscheidungen, da lernt man sich kennen. Wünsche? Ich halte mein Haus in Ordnung. Mein Wahlspruch? Meide Erregungen! Ein zweiter: nichts geschieht deinetwegen. Wovon ich nachts träume? Fragen Sie das Dienstmädchen. Wofür ich lebe? Keinesfalls fürs Alter. Wogegen ich kämpfe? Gegen die Konkurrenz. Für die Frauen, gegen die Ausbeutung. Gegen die Männer. Gegen die Illusionen. Für die Reform des EG-Haushalts. Gegen die Kommerzialisierung des Boxsports (ich finde Boxen schön!). Schwächen? Machen Sie sich keine Hoffnungen. Ich bin, wie ich bin. Passen Sie auf, Sie verschütten Ihren Tee. Kopfschmerzen? Ich nehme verschiedene Mittel, ich bin da nicht dogmatisch.

Jürgen Wölbing: Kleine Plastik 3

Elena.
Wer holt dich aus der Versteinerung heraus, aus diesem Wechsel von Raserei und Erstarrung, der deine Züge formt und entformt und den Betrachter ratlos entlässt? Niemand hilft dir, man läßt dich gewähren: so ist es bei Naturvölkern Brauch. Den kleinen täglichen Vorteil nimmst du nicht wahr; deine Stärke und deine Schwäche bringst du hemmungslos unter die Leute. Keiner vergisst deinen Charme, dein Lachen, deinen Gang. Halbe Enthüllungen sind nicht deine Sache. Wenn du dich ausziehst, dann ganz. Erinnerung alter Tage: bei dir wurden die Stullen geschmiert und die Dinge beim Namen genannt. Wer von dir kam, fühlte sich stärker. Vorbei. Gleichviel — dein Anblick überwiegt den Schmerz, den er eingibt. Er wird ihn überdauern.

Jürgen Wölbing: Kleine Plastik 4

Claudia.
Frau aus Schemenland, depotenzierter Götze Weib mit traurigen Hufen, welches unserer vaghalsigen Gelüste giert nach deinen Umarmungen? Besitzlose Statuette, prüfst du den Blick des Kenners, der sich langsam unwohl fühlt vor der strengen Unbestimmtheit deiner Konturen. An dir entzündet sich nichts, keine Phantasie, kein Gedanke, kein Spleen. Statt dich zu entfalten, entfällst du ins tägliche Abseits. Welch verwahrloster Einfall, dich dort zu entwenden, dich hereinzuholen in den Lichtkegel irritierter Betrachtung. Ausgesetzt wirkst du, entsetzt und erniedrigt durch die Akte der Zuwendung, die du nun, gesockelt, allenthalben erfährst. Oder welcher Schiffbruch im Unbenannten verschlug dich an die Küste unserer teilnahmslosen Aufmerksamkeit? An dir endet unser Spielraum, du bist die, mit der nichts geht.

Jürgen Wölbing: Kleine Plastik 5

Daphne.
Das ist doch kein Grund, mich gleich in Lorbeer zu packen, wer nimmt denn das Zeug weg, schwer zu ertragen das Ganze, man kann nicht mal die Hände in den Schoß legen oder stricken, aber darauf nimmt scheint’s sowieso keiner Rücksicht. Ich sehe durchaus die Tragik meines Falls, doch damit stehe ich wohl allein auf freiem Feld, soweit ich das überblicke. Als Vergewaltigung merkwürdig, schmerzlos, hätte ich fast gesagt, kein schlechtes Gefühl so im Wind, nur der Bewegungsdrang macht mich wahnsinnig und dieser Aufzug ist ja wohl insgesamt etwas lächerlich, lässt sich offenbar nichts dran ändern. Keine Ahnung, wie das mit Hunger ist. Warten wir’s ab. Aber eins muss klar sein: wenn mir jemand zu nahe tritt, schrei ich mich blau, das wächst mir hier alles über den Kopf und zu den Ohren heraus.