Paul Mersmann: Chirico [1]

Chirico

Auf der Straße vor einem alten Gebäude stand ein Brett mit einem Plakat. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie es aussah, aber die Worte »Mostra De Chirico« sind tief in mir haften geblieben. Es muss im Herbst oder im Winter 1961 gewesen sein. Ob es noch Vormittag war oder viel später, weiß ich nicht mehr. An trüben Tagen geht ja die Übersicht rasch verloren. Das Licht wird gleichmäßig, und ohne das körperliche Wachstum der Stunden zieht es sich dahin und befördert, in Ermangelung seiner sonst gezeigten Energien, ausnahmsweise einmal Gedanken der Spaziergänger. Das Innere vermischt sich mit dem Äußeren. Man verbindet sich mit dem Tag. Dieser Zustand ist der Schärfe der Beobachtung abträglich, wenngleich die Aufnahmefähigkeit ganz außerordentlich wachsen kann. Ich nehme an, dass ein geheimnisvoller Übergang zum Weiblichen stattfindet. Der Verstand verliert die Qualität des Stechenden und verneigt sich vor allem, was im Vorbeiziehen auch nur im Geringsten die Aufmerksamkeit erweckt. Diese Aufmerksamkeit aus Angst und Feierlichkeit ist im Stande, Tränen vor einem Feuermelder hervorzurufen. Nichts wäre schrecklicher als Feindschaft. Die vollkommene Wohlmeinung ist das einzige Werkzeug, eine unbekannte Straße überqueren zu können oder den überraschenden Anblick eines trostlos gefleckten Hündchens zu überstehen. Zu den Merkwürdigkeiten dieser Empfindung gehört es, widersprüchliche Duplizitäten zu bemerken oder bemerken zu müssen. Eine Taube stürzt etwas übertrieben eilig auf ein faules Salatblatt, ein paar Meter weiter fällt ein Kind vom Fahrrad.
Was für ein Mann, in was für einer Hose, folgt einer Frau mit was für einem Hut? Die Heiligen Drei Könige sind zu zweit an diesem Spaziergang beteiligt, etwas später sieht man sie in Schokolade, und der Mohr wird tatsächlich von den Händen einer Verkäuferin den Augen soeben entrückt.